Brandenburg/Havel: Redebeitrag auf der Protestkundgebung anlässlich der Neonazi-Versammlung zum „Tag des politische Gefangenen“

Etwa 150 Menschen nahmen, trotz Dauerregen, an einer Protestkundgebung gegen eine Neonazi-Versammlung zum „Tag des politischen Gefangenen“ am 16.03.2019 in Brandenburg an der Havel teil. Zu den Protesten hatte die Linksjugend Solid Brandenburg und die Antifa Jugend Brandenburg aufgerufen. Gerade mal 40 Nazis fanden sich hingegen zu ihrer Kundgebung ein, darunter bekannte Gesichter von den Freien Kräften Neuruppin, der NPD Kreisverbände Oberhavel und Märkisch-Oderland u.a.. Zudem waren auf der Kundgebung das JN Bundesvorstandsmitglied Christian Häger und der verurteilte Totschläger Sascha Lücke. Auf der Kundgebung forderten die Neonazis die Freilassung der Shoa-Leugnenden Horst Mahler und Ursula Haverbeck.

Dir Kundgebung war ein kraftvolles Zeichen und zeigte, dass in Brandenburg an der Havel kein Platz ist für Nazi-Geheule und menschenverachtende Propaganda ist. In Hör- und Sichtweise haben die Gegendemonstrant_innen die Neonazi-Kundgebung lautstark übertönt. Auch wir waren auf der Kundgebung und haben einen Redebeitrag gehalten.

Wir sind heute hier, um den Neonazis bei ihrer Versammlung zum „Tag der politischen Gefangenen“ die Stirn zu bieten. Neben der NPD mobilisiert auch die “Gefangenenhilfe” zu der Kundgebung, die bereits in der Vergangenheit ähnliche Versammlungen in Brandenburg Havel abhielt. Die “Gefangenenhilfe” gilt als Nachfolgeorganisation der verbotenen Hilfsgemeinschaft Nationaler Gefangener, die sich um inhaftierte Nazis kümmert. In ihren Versammlungen, aber auch im Netz fordern sie die Freilassung von Holocaust LeugnerInnen wie Horst Mahler und Ursula Haverbeck. Erwartet werden heute Neonazis von der NPD, dem III. Weg und Kameradschaften. Umso mehr freuen wir uns, dass die Linksjugend Solid und die Antifa Jugend Brandenburg hier diesen Protest auf die Beine gestellt hat um der Huldigung von AntisemitInnen als sogenannte politische Gefangene Paroli zu bieten.

Die Neonazis, die heute hier zu dieser Kundgebung aufrufen und diese besuchen, sind nicht nur RassistInnen und AntisemitInnen, sondern auch VerfechterInnen einer besonders gefährlichen Vorstellung von Männlichkeit, die sich mit dem Begriff “toxische Männlichkeit” beschreiben lässt. Wenn wir über Nazis reden, benennen wir Gewalt als ein immanentes Element ihrer Ideologie. Dabei gehen wir jedoch nur selten auf die Facetten der Gewalt ein, die sich aus dieser toxischen Männlichkeit ergeben, obwohl die Vorstellung einer patriarchalen Ordnung und einer in dieser begründeten Frauen*feindlichkeit wesentliche Elemente einer extrem rechten Ideologie darstellen. Allein in den letzten Monaten lassen sich in Deutschland und Österreich mehrere Fälle finden, in denen rechtsextreme Täter gezielt versuchten Frauen* zu töten. Dabei wurde in der Presse nur selten eine Verbindung zwischen der Einstellung der Täter und der frauen*feindlichen Motivation ihrer Taten hergestellt. In diesem Zusammenhang ist es auch nicht verwunderlich, dass Robert Timm, der Anführer der extrem rechten “Identitären Bewegung Berlin-Brandenburg” in der Vergangenheit Teil der sogenannten Pick-Up-Szene war. Bei Pick-Up-Veranstaltungen und Seminaren lernen Männer wie sie als vermeintliche “Jäger” Frauen mithilfe psychologischer Tricks ins Bett kriegen, dabei werden in Extremfällen auch Vergewaltigungen legitimiert. Svenna Berger und Eike Sanders weisen in ihrem Artikel “Misogyne Gewalt und rechter Frauen*hass” zurechte darauf hin, dass es vor allem im Zusammenspiel von Rechtsextremismus und Frauen*feindlichkeit auch ein Erfassungsproblem gibt, da Misogynie weder in Definitionen von Rechtsextremismus auftaucht noch als Tatmotiv rechter Gewalt (polizeilich) erfasst wird. Gerade in Zeiten, in denen die AfD und ihre Handlanger das Thema Frauenrechte für sich entdecken, NPD-Männer Streife laufen, um vermeintlich Frauen und Kinder vor den angeblichen “Fremden” zu schützen, fordern wir eine verstärkte Auseinandersetzung mit den Folgen der “toxischen Männlichkeit”. Denn diejenigen, die vorgeben, sich für die Rechte der Frauen einzusetzen, sind eben genau auch diejenigen, die Frauen an den Herd zurückwünschen, sie zu sexuellen Objekten degradieren und Frauen*, die sich ihnen entgegensetzen mit Vergewaltigung und Mord bedrohen.

Die Verteidigung der deutschen Frau schien schon immer ein beliebtes Thema von Neonazis zu sein. Mit den Ereignissen der Silvesternacht in Köln 2016 zieht diese Thematik mittlerweile aber weitere Kreise. Seit Mitte Februar des vergangenen Jahres fanden in Berlin mehrere sogenannte Märsche der Frauen statt. Angemeldet wurden die Demonstrationen durch Leyla Bilge, die neuerdings Teil des Kreisverbandes der AfD in Havelland ist und zu den Landtagswahlen in Brandenburg antritt. Der Einsatz für mehr Frauen*-Rechte dient Bilge nur als Deckmantel für ihre rassistische und anti-muslimische Hetze. Sie forderte nicht etwa einen Schutz für Frauen, die Opfer häuslicher oder sexualisiert Gewalt geworden sind, sondern die Abschiebung straffällig gewordener “Ausländer”, die angeblich über die einheimischen Frauen herfallen würden. Und auch der rechte Verein „Zukunft Heimat“ setzt bei der Mobilisierung seiner rassistischen Demonstrationen in Cottbus in seinen Werbe-Bannern ganz gezielt auf das Bild der verwundbaren Frau, die es vor “dem Ausländer” zu schützen gilt. Frauen wird demnach ausnahmslos eine “Opferrolle” zugeschrieben. Diese weißen, deutschen und heterosexuellen Frauen müssten vor einer vermeintlichen Gefahr von außen geschützt werden. In dieser Logik ist es auch kein Widerspruch, dass sowohl die Organisierenden, als auch die Teilnehmenden der Veranstaltungen bis auf wenige Ausnahmen Männer sind. Dass sexualisierte Gewalt vor allem in der Familie und im direkten persönlichen Umfeld der Betroffenen stattfindet, findet dagegen auf den Demonstrationen der rechten Bewegung keine Erwähnung.

Dabei sind es vor allem mehrheitlich einheimische, deutsche Männer, die hier Gewalt an Frauen anwenden. Im Jahr 2017 kamen in Deutschland 147 Frauen bei Fällen häuslicher Gewalt ums Leben. Eine Aussparung dieser Fälle männlicher Gewalt gegen Frauen*, die eben nicht von scheinbar „zugereisten Fremden”, sondern zum großen Teil von hier geborenen Männern ausgeübt wird, weist umso mehr auf die Instrumentalisierung der Thematik zur rassistischen Mobilisierung weiter Kreise hin. Genauso lässt sich das Aussparen von betroffenen Schwarzen Frauen*, Women* of Color und queeren Menschen deuten, die, über die sexistische Diskriminierung hinaus, auch durch rassistische oder homo- und trans*-feindliche Zuschreibungen betroffen sind.

Wir fordern, dass die Auseinandersetzung mit Sexismus in unserem Kampf gegen Neonazis, aber darüber hinaus auch im Kampf um eine besser Welt viel stärker berücksichtigt werden muss. Der Wille nach der Verteidigung der weißen deutschen Frau, der Sicherstellung ihrer sexuellen Verfügbarkeit und die Machtdurchsetzung mittels Gewalt sind Ausdruck einer Männlichkeit, die toxisch ist. Diese toxische Männlichkeit ist ein imanenter Bestandteil extrem rechter Ideologie neben Ismen wie Rassismus oder Antisemitismus. Eine Analyse dieser Ideologie muss Frauen*feindlichkeit und Misogynie, aber auch den Hass auf Menschen, die sich außerhalb von heterosexueller und binärer Geschlechternorm verorten, ausdrücklich mit einschließen.

In diesem Sinne: Keinen Antifaschismus ohne Feminismus!
Unser Feminismus bleibt antirassistisch!

Bilder gibt es hier und hier.

Das könnte Dich auch interessieren...